Wenn Kinder anders fühlen

Ein Ratgeber für Eltern ISBN 978-3-497-02216-8

Ernst Reinhardt Verlag 2011 248 Seiten

Was sollen Eltern tun, wenn ihr sechsjähriger Sohn plötzlich im Kleid zur Schule gehen will oder die kleine Tochter eines Morgens sagt: ich heiße nicht Lea, ich heiße Paul und bin ein Junge!? Eltern, die im Zusammenleben mit ihren Kindern solche und ähnliche Szenen erleben, sind zunächst verunsichert. Und wenn sie spüren, dass dieses Verhalten keine vorübergehende Phase ist und mit Spaß am Verkleiden offensichtlich nichts zu tun hat, dann stehen die Gefühle Kopf. Die Frage drängt nach vorn: Was ist mit meinem Kind? Ist mein Kind etwa transident?

Das Buch von Stephanie Brill und Rachel Pepper ist ein wunderbarer, kompetenter Ratgeber für Eltern und alle, die in Kita und Schule mit Kindern zu tun haben. Der sehr übersichtliche Aufbau des Buches lässt es leicht zu einem hilfreichen Nachschlagewerk werden. Sachlich und informativ klärt es darüber auf was transident-Sein ist und was es bedeutet.

In acht Kapiteln wird kompetent und einfühlsam das Thema Transidentität von allen Seiten beleuchtet, von der Ich-Entwicklung über Abwehr und Annahme, den Schwierigkeiten dieser Kinder in der Gesellschaft. Ebenso werden medizinische und juristische Fragen geklärt. An Beispielen und Erfahrungsberichten wird in den acht Kapiteln über die Lebenswirklichkeit transidenter Kinder berichtet. Den Autorinnen gelingt es, die Leserinnen und Leser teilhaben bzu lassen an vielen Schicksalen. Sie öffnen die Augen und werben für Annahme und Akzeptanz. Das ist ein besonderes Verdienst dieses Buches. Es verschweigt nicht die verschiedenen Anfeindungen und das Unverständnis der Außenwelt, die eine Familie erlebt, wenn ihr Kind nicht der Norm entspricht. Die beiden Verfasserinnen nehmen die häufigsten Elternfragen ernst: „Was habe ich falsch gemacht? Ist mein Kind krank? Was sage ich den Nachbarn und wie geht das in der Schule?“ An Hand sehr vieler Beispiele und Berichten von Eltern und Kindern erfahren wir von den Ablehnungen und dem Unverständnis denen diese Kinder in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind - aber auch, wie mutig und stark viele Eltern diesen Verletzungen begegnen, wenn sie sich auf die Seite ihres Kindes stellen. Das Buch macht deutlich, wie menschenverachtend eine Gesellschaft wird, wenn sie Minderheiten ignoriert oder deren andersartige Lebenswelt nicht erkennt, zum Beispiel die ungerechte Zurechtweisung eines transidenten Kindes in der Schule, weil es nach Meinung aller anderen die falsche Toilette benutzt. Wir erfahren, welche einfachen Lösungen sich Schulleitungen einfallen lassen, wenn sie sich dem Problem stellen.

Das große Verdienst der beiden Autorinnen jedoch ist, dass sie den Leserinnen und Lesern den Blick öffnen für die Vielfalt und Buntheit des Lebens. Und sie werben dafür, sich aus der starren Einteilung Junge/Mädchen zu befreien. Ich wünsche dem Buch eine große Leserschaft! „Wenn Kinder anders fühlen „ heißt der Titel und das e in dem Wort „anders“ ist verkehrt herum geschrieben. Leicht zu übersehen - und nach der Lektüre dieses Buches stelle ich erschreckt fest, dass nicht nur ein verkehrtes "e" leicht übersehen wird, sondern ein Mensch.

Ich bin dankbar dafür, dass der Ernst Reinhardt Verlag dieses Thema in sein Programm aufgenommen hat.

(Gudrun Held)

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