Bericht im Stern

Gudrun Held im Interview mit dem "Stern"

Offenheit schafft Offenheit
Interview mit der Vorsitzenden des Bundesverbandes der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen e.V. (Befah), Gudrun Held, 64, über Hilfe für Familien beim Coming Out und die politische Forderung nach Gleichberechtigung


Frau Held, wenn Eltern nach dem Coming Out ihres Kindes bei Ihnen anrufen, was bekommen Sie von denen zu hören?

Mich erschreckt ein Satz, der immer wieder fällt: Für uns brach eine Welt zusammen. Diese Haltung kann ich nicht gut nachempfinden. Daraus spricht, dass viele sehr festgelegt sind auf den Weg, den ihr Kind einschlagen soll. Aber das ist sicher der Ausdruck dafür, dass wir alle zuvor in Hetero-Kategorien denken mussten.


Öffentliche Bekenntnisse von Prominenten wie Anne Will scheinen keine Aufreger mehr zu sein. In den Familien gibt es diese Gelassenheit anfangs also nicht?

In den ersten Gesprächen ist ganz viel Trauer. Es wird viel geweint. Bei unserem Verein melden sich die Mütter, ein Mann hat noch nie als erster angerufen. Die Mütter sagen, dass sie Hilfe brauchen, vor allem der Mann. Frauen können also trotz Sorgen und Vorbehalten schneller auf die Seite ihres Kindes springen. Männer tun sich schwerer.


Was macht den Eltern homosexueller Kinder am meisten zu schaffen?

Die Angst davor, was die anderen sagen, ist riesengroß. Der zentrale Wert ist Anerkennung. Die bange Frage vieler Eltern lautet: Kann ich mit so einem Kind denn gesellschaftlich anerkannt werden? Ich kann aus eigener Erfahrung berichten: Eigene Offenheit schafft Offenheit bei anderen. Ich habe in meiner Familie die Erfahrung gemacht, dass es besser geht, wenn man offen damit umgeht. Aber ich sage auch: Ihr Kind hatte lange Zeit, sich damit zu beschäftigen, jetzt können Sie sich auch Zeit lassen. Akzeptanz ist ein Prozess.


Ist Ablehnung von Homosexualität nicht eher ein Problem auf dem Dorf als in liberalen Großstädten?

Ängste gibt es sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Die Stadt macht es möglich, dass ich es niemandem sagen muss. Homosexualität in der Großstadtfamilie wird dann eben verschwiegen. Es geht durch alle Schichten, dass Kinder abgelehnt werden. Andersherum werden auch Kinder in allen Schichten bedingungslos geliebt. Das Klischee, dass nur die weniger Gebildeten Probleme mit dem schwulen Sohn haben, stimmt so nicht.


Welche Hilfe können Sie Rat suchenden Eltern anbieten?

In vielen Städten gibt es Gesprächsgruppen, die von der Befah unterstützt werden. Das sind für Eltern, die gerade ein Coming Out durchleben, wichtige Orte. Da treffen sie Menschen, die ihre Ängste, Sorgen und Trauer aus eigenem Erleben kennen. Und sie erfahren, wie andere nach dem ersten Schock einen Weg gefunden haben. Mit einem ersten Gespräch sind ja nicht alle Fragen beseitigt. In den Gruppen können Eltern diese drängenden Fragen stellen. Kann er oder sie glücklich werden? Mit welchen Widerständen muss er oder sie rechnen? Allein das ist tröstlich.


Ihr Verein arbeitet auch politisch. Was bleibt nach Gesetzen wie dem zur "Homo-Ehe" zu tun?

Im Moment ist die Stimmung in der Gesellschaft so, dass man uns totschweigt. Nach dem Partnerschaftsgesetz ist für viele das Thema durch. Unsere wichtigste Forderung ist, dass Schwule und Lesben nicht nur bei den Pflichten gleichgestellt werden, sondern auch bei den Rechten. Das Erbrecht und das Steuerrecht sind noch sehr ungerecht.


Sie wollen, dass homosexuelle Paare der Ehe gleichgestellt werden?

Der Ehe wird doch nichts weggenommen. Wodurch wird der Ehe geschadet, wenn andere Lebensformen steuerlich gleich behandelt werden? Das kann ich nicht einsehen.


Wo in der Gesellschaft haben es Lesben und Schwule heute besonders schwer?

Es gibt noch Tabuzonen in unserer Gesellschaft. Als Lehrer ist es schwer, sich zu outen. Es kommt immer noch das absurde Argument, dass sich ein schwuler Lehrer an kleinen Jungs vergeht. Ich weiß auch von schwulen Pastoren, die ihre sexuelle Orientierung heimlich leben. Schon das Verschweigen in diesen Bereichen ärgert mich, weil junge Leute Vorbilder nötig haben. Für Schule und Kirche mahne ich Offenheit an.

Interview: Michael Kraske


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