Keine Enkelkinder?

Wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind homosexuell ist, ist bei vielen einer der ersten Gedanken, dass sie dann wohl keine Enkelkinder bekommen werden. Das macht sie sehr traurig. Denn es verlangt von ihnen nicht nur den Verzicht auf etwas, worauf sie sich sehr gefreut haben, sondern sie empfinden es auch als Weigerung, die Familie weiterzuführen und all das Gute und Schöne an die nächste Generation weiterzugehen, was sie ihren Kindern gegeben haben.

  • Mich deprimiert der Gedanke, dass ich von meinen Töchtern keine Enkelkinder bekommen werde. Darauf hatte ich mich früher immer gefreut. Wenn ich meine Mutter mit Andreas, Lydia und Kerstin sah, dachte ich oft: Das möchte ich später auch einmal. Nicht mehr diese Hektik, sondern sich voll und ganz den Kindern widmen können. Und dabei hat man doch nicht die volle Verantwortung. Meine Mutter war bei ihren Enkelkindern auch viel toleranter und großzügiger, als sie es bei mir je gewesen ist. So, als hätte sie noch eine zweite Chance bekommen, Kindern den rechten Weg zu weisen. Diese zweite Chance bekomme ich nicht. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 28)

Auch unsere Familien brauchen Schutz Postkarte der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und des Schwulen Büros Pink Cross


Natürlich wissen diese Eltern, dass auch viele heterosexuelle Paare keine Kinder haben, weil sie keine Kinder wollen oder keine bekommen können. Dies zu wissen, kann jedoch Eltern von Lesben und Schwulen kaum trösten. Eine 1999 durchgeführte Untersuchung bei Lesben und Schwulen hat jedoch gezeigt, dass sich fast ebenso viele von ihnen ein Leben mit Kindern wünschen wie gleichaltrige Heterosexuelle: 40,4% der befragten Lesben und 31,2% der Schwulen wollten "gerne mit Kindern zusammenleben", bei den unter 20-jährigen waren es sogar 46,6% (Vgl. Schwules Netzwerk NRW, Lesbische und schwule Familien, S. 9). Während es vor wenigen Jahren noch selbstverständlich war, dass die Entscheidung für eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft den Verzicht auf Kinder bedeutete, hat sich das innerhalb der letzten zehn Jahre, also in ganz kurzer Zeit, radikal geändert. Denn inzwischen ist bekannt geworden, wie viele Frauenpaare mit Kindern zusammenleben, mit Kindern aus früheren heterosexuellen Beziehungen oder mit "lesbischen Wunschkindern", die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden. Auch immer mehr schwule Männer können sich vorstellen, Vater zu werden oder eine schon bestehende Vaterschaft aktiv zu leben.

Es ist gründlich untersucht worden, ob es Kindern schadet, wenn sie bei homosexuellen Eltern aufwachsen: In mehreren Untersuchungen - in den USA, in Großbritannien und in der Schweiz - wurden keine Entwicklungsunterschiede zu Kindern in heterosexuellen Familien festgestellt. Einer britischen Studie zufolge sind Schwule sogar besonders gute Väter, da sie sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen, sensibler auf deren Bedürfnisse eingehen und sich nicht scheuen, Gefühle zu zeigen (Badische Zeitung, 15.1.2000). Manche Kinder mit lesbischen oder schwulen Eltern leiden allerdings darunter, wenn die Beziehung zwischen ihrer Mutter/ihrem Vater und ihrer Mitmutter oder ihrem Mitvater geheim gehalten werden muss, oder wenn der Kontakt zu ihren Großeltern oder anderen Verwandten und Freunden abbricht, weil diese die Lebensweise der Mütter/Väter nicht akzeptieren können:

 
  • Ich finde es ganz schwierig, wegen der anderen Leute. Die mögen das nicht. Früher wollte ich deswegen immer, dass sie wieder auseinander gehen, aber jetzt mag ich auch keine von ihnen verlieren (13 Jahre, weiblich).
  • Das Lesbischsein an sich ist gar nicht schlimm, ich finde es nur traurig, dass sich meine Mutter von ihrer früheren Freundin getrennt hat, die mochte ich sehr gern. Aber Frauen, die nicht lesbisch sind, trennen sich ja auch. Das ist viel schlimmer, als lesbisch sein (14 Jahre, weiblich).
  • Ich bin nun nicht gerade euphorisch darüber, aber es ist nun mal so. Das, was ich mir noch wünschen würde, wäre, dass nicht alle Kontakte zu unseren früheren Freunden und Verwandten abgebrochen worden wären (15 Jahre, weiblich).
  • Manchmal ist es nicht ganz leicht. Eigentlich wegen der anderen Leute, die reden so über einen. Und dann die besorgten Blicke und Worte der lieben Anverwandten (...). Aber das hat mit Homosexualität eigentlich nur wenig zu tun (16 Jahre, weiblich).
  • Wenn es meiner Mutter gut geht, geht es mir auch gut, wenn es ihr schlecht geht, dann mir auch. Also besser, sie hat eine Freundin und ist nicht allein, sondern glücklich, und dann bin ich's auch (17 Jahre, männlich).
  • Wenn meine Mutter nicht lesbisch wäre, hätte ich vermutlich nie ihre Freundin kennen gelernt, und dann wäre mir ganz schön viel abgegangen. Ich freue mich, dass die beiden sich jetzt haben, wenn ich aus dem Haus geh (19 Jahre, weiblich). (Sasse, Ganz normale Mütter, S. 257-259)


Anstatt sich zu freuen, dass sie nun doch noch ein Enkelkind bekommen, reagieren Eltern von Lesben und Schwulen oft zunächst einmal sehr skeptisch, wenn sie erfahren, dass sie Großeltern werden. Von dem Vorurteil, ein gesundes Kind könne nur im heterosexuellen Sexualakt gezeugt werden, verabschieden sie sich nur langsam, obwohl doch auch immer mehr heterosexuelle Paare den Weg der künstlichen Befruchtung gehen, wenn deren Kinderwunsch auf natürlichem Weg nicht in Erfüllung gehen kann. Und leider tut sich auch der Gesetzgeber noch schwer, gleichgeschlechtlichen Paaren das gemeinsame Sorgerecht und das Adoptionsrecht einzuräumen.

Sicher kann es anfangs Probleme geben, wenn Kinder mit lesbischen oder schwulen Eltern in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Gerade dann kann ihnen eine gute Beziehung zu den Großeltern den Rücken stärken. Vielleicht können diese sogar über die Schulverwaltung und die Elternvertretung Einfluss darauf nehmen, dass verstärkt Aufklärungsarbeit geleistet wird. Für die Enkelkinder (und ihre Eltern) bleibt also zu hoffen, dass die frisch gebackenen Großeltern sich irgendwann zu einer Haltung durchringen können, wie sie folgender Großvater zeigt:

  • Vor kurzem war mal eine Bekannte hier, die hat sich auch die Fotos alle angeschaut. Sind ja auch unser ganzer Stolz. Bei dem Foto von Nicolette, Anita und dem kleinen Peter schüttelte sie nur den Kopf. "Entsetzlich, nicht wahr?" sagte sie. Ich musste mich richtig beherrschen, kann ich Ihnen sagen. Aber ich habe dann nur gesagt: "Ich weiß wirklich nicht, was daran entsetzlich ist. Die beiden Frauen sind glücklich, der kleine Peter ist gesund, also, wo liegt das Problem?" Die Bekannte war ziemlich konsterniert. Sie dachte wohl, dass ich ihrer Ansicht sei, weil wir ja eigentlich eine ganz und gar bürgerliche Familie sind. Aber ich glaube nicht, dass das etwas damit zu tun hat. Man braucht nicht studiert zu haben, um zu wissen, was im Leben wichtig ist. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 50)