Rollenverhalten

Sind Lesben männlich und Schwule weiblich?


Schon im Kindergarten gebrauchen kleine Jungen heutzutage das Wort "schwul" als Schimpfwort, wenn sie ausdrücken wollen, dass ein Junge ihnen nicht "männlich" genug ist. Früher wurde dafür noch das Wort "Muttersöhnchen" oder "Heulsuse" verwendet. So lernen Kinder noch bevor sie wissen, was "schwul" bedeutet, eine Verbindung zwischen der Anpassung an die (männliche) Geschlechtsrolle und der sexuellen Orientierung herzustellen. Beides hat aber nichts miteinander zu tun.

Eltern, die nicht allzu überrascht sind, wenn ihr Kind ihnen eröffnet, dass es schwul oder lesbisch ist, berichten oft, ihre Tochter sei früher eher jungenhaft gewesen, sei gern auf Bäume geklettert und habe sich geweigert, Röcke und Kleider zu tragen. Oder ihr Sohn sei immer so zuvorkommend gewesen, habe gern im Haushalt geholfen und sei Prügeleien aus dem Weg gegangen. Andere Eltern können beim Coming-out nicht glauben, was ihr Kind ihnen da erzählt, weil der Sohn "ein ganz normaler Junge" oder die Tochter "so hübsch und in jeder Hinsicht perfekt" war:
  • Wenn ich an ihn denke, dann, wie er früher war: ein lieber Kerl, ein richtiger Junge, immer vorneweg mit dem Mund, aber nie zu frech, ich meine, mir gegenüber. Er war auch kein Muttersöhnchen, wenn Sie das meinen. Er war ein ganz normaler Junge, das ist es ja gerade!
  • Sie ist ein so mädchenhafter Typ, groß, schlank, lange, kastanienbraune Haare, auf der Straße dreht man sich nach ihr um. (...) Sie ist also wirklich kein Mädchen, das keinen Mann abbekommen würde. Sie könnte an jedem Finger zehn haben, wie man so sagt. Und irgendwie finde ich "es" darum noch schlimmer. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 103 u. 92)

Lesbische Frauen und schwule Männer sind Frauen und Männer wie heterosexuelle auch. Es gebe "genug schwule Männer, die sich wie Grobiane und Machos verhalten", schreibt Wiedemann, "und viele heterosexuelle Männer, die sehr einfühlsam und partnerschaftlich sind." (Hassenmüller, S. 82) Homosexuelle und Heterosexuelle unterscheiden sich nur in der Partnerwahl, nicht in ihren Eigenschaften. Aber die Eigenschaften und Interessen aller Menschen gehen weit über das hinaus, was ihnen die eng gesteckten Grenzen der Geschlechterrollen vorschreiben. Und es gibt hier wie dort besonders willensstarke Kinder, die die Anpassung an diese Rollen verweigern, oder auch Eltern, die ihre Kinder unterstützen, wenn sie sich nicht in die vorgegebenen Rollen zwängen lassen wollen.
Es ist also ein Vorurteil, dass Lesben eher männlich und Schwule eher weiblich seien. An dieses Vorurteil glauben aber auch viele Lesben und Schwule selbst, weil sie sich anders nicht erklären können, warum sie sich in gleichgeschlechtliche Partner verlieben. Sowohl in der lesbischen und schwulen Subkultur als auch in Filmen begegnet man Lesben und Schwulen, die dieser Klischeevorstellung entsprechen: "Kessen Vätern" im Herrenanzug und Tunten in Rüschenkleidern, die sich hiermit auch manchmal über Männlichkeits- und
Weiblichkeitsvorstellungen lustig machen, während die anderen Lesben und Schwulen so "normal" aussehen, dass sie nicht wahrgenommen werden. Sehr "weibliche" Lesben und sehr "männliche" Schwule tun sich daher besonders schwer, sich ihre Homosexualität einzugestehen:
  • Lesben haben als Mädchen mit den Jungs Indianer gespielt - ich spielte mit Puppen und am liebsten mit Mädchen. (...) Lesben sind burschikos - ich doch sehr feminin, aber ein "Weibchen" bin ich noch lange nicht. Lesben haben eine dunkle Stimme - ich singe im Sopran. Lesben sind kurzhaarig - ich schminke mich, trage gern Kleider und liebe meine langen Haare, aber spielt das überhaupt eine Rolle? Lesben sind forsch und selbstbewusst - ich bin eher schüchtern und oft verunsichert. (...) Und überhaupt, ich habe mich doch auch in Männer verliebt! (FLUSS, Das lesbischwule Coming-out-Buch, S. 87)

Dass Lesben manchmal so tun, als ob sie Männer wären, hat - neben dem Spaß am Spiel mit den Geschlechterrollen - auch historische und pragmatische Gründe: Ihnen blieb bis vor wenigen Jahrzehnten gar nichts anderes übrig, als sich äußerlich für Männer so unattraktiv wie möglich zu machen oder sich als Männer zu verkleiden, wenn sie einigermaßen unbehelligt von männlichem Begehren ihre Liebe leben wollten. Außerdem mussten sie dann ja auch finanziell von einem Mann unabhängig werden. Sie mussten sich also dafür einsetzen, dass sie berufstätig sein und ohne Mann leben konnten. In den Kämpfen der Frauenbewegungen für Frauenrechte und für die Emanzipation der Frauen spielten Lesben daher zweifellos eine wichtige Rolle.
Da Schwule sich nicht so krampfhaft wie heterosexuelle Männer von allem "Weiblichen" abgrenzen mussten, um von ihresgleichen als richtige Männer anerkannt zu werden, konnten sie zusammen mit der Frauenbewegung in den letzten Jahren dazu beitragen, dass heute auch heterosexuelle Männer sich nicht mehr so streng dem Diktat ihrer Geschlechterrolle unterwerfen müssen. Heute haben auch viele heterosexuelle Männer Freude an lange als unmännlich geltenden Dingen gefunden, auch sie benützen Parfüm, tragen Ohrringe und Kleidung aus feinen und bunten Stoffen. Auch sie dürfen sich mal umarmen und ihre Gefühle zeigen und dürfen im Beruf und zu Hause andere Menschen pflegen und versorgen. So trugen homosexuelle Menschen einiges dazu bei, dass beide Geschlechtsrollen in ihren Möglichkeiten erweitert wurden.