Eltern "Coming Out"

Coming out der Eltern

 
Es bleibt ganz allein Sache der Eltern, zu entscheiden, wem sie sagen wollen, dass ihr Kind homosexuell ist. Und es ist gut, wenn sie dabei in erster Linie auf ihr eigenes Wohlbefinden achten. Solange Eltern selbst noch sehr verletzt sind, kann sie eine Reaktion von Verwandten oder Freunden, die vielleicht nicht einmal böse gemeint, sondern nur ein Ausdruck von Unsicherheit ist, für lange Zeit davon abhalten, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen:
  • Ich habe in den letzten acht Jahren beinahe täglich daran gearbeitet, die Veranlagung
  • meiner Söhne zu akzeptieren, aber ich habe wirklich keine Lust, sie gegenüber anderen verteidigen zu müssen. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 70)
  • (...) Ich möchte mich nicht verletzen lassen. Ich habe einmal die Erfahrung gemacht, bei Freunden (...). Da hieß es: "Ach Gott, das ist ja furchtbar! - Wollen wir nicht morgen ins Kino gehen?" Es wird nicht drüber geredet, es wird zur Kenntnis genommen. Und das trifft einen. (...) Es wurde nie wieder gefragt, das Thema ist auch für die Freunde abgelegt, es ist tabu, redet man nicht drüber. Am besten ist, man weiß es gar nicht. Von daher habe ich für mich jetzt zugemacht, nach außen hin. Ich werde wohl dahinter stehen, dass es den Leuten (homosexuellen Frauen und Männern D. M.) besser zu gehen hat, aber ich würde nie erzählen, dass mein Sohn schwul ist. (Schmidt, Homophobie, S. 90)

Dieses gekränkte Verstummen kann auf Dauer die Freundschaften kosten und in die Isolierung führen, wie bei dieser völlig verzweifelten Mutter:
  • Auch wenn es schrecklich klingt, manchmal denke ich, es wäre einfacher, wenn H. gestorben wäre. Dann könnte ich offiziell um ihn trauern. Dann hätte ich das Verständnis und Mitgefühl meiner Familie. So habe ich meinen Sohn auch verloren, aber niemand weiß es. Nur er und ich. Und immer muss ich so tun, als wäre alles in Ordnung. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 36)

Eine andere Mutter, der es auch schwer fällt, über die sexuelle Orientierung ihres Sohnes zu sprechen, versucht sich selbst zu überzeugen, dass sie es trotzdem wagen sollte:
  • Man muss und soll darüber reden. Dann kann man vielleicht auch die Angst abbauen. Die Angst, was die lieben Nachbarn und natürlich die Verwandten sagen. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 139)

Aber nicht nur aus diesem Grund ist es auf Dauer besser, wenn Freunde, Bekannte und Kollegen wissen, dass der Sohn schwul oder die Tochter lesbisch lebt. Denn wie oft wird im Alltag über die Kinder gesprochen, wird gefragt, was aus ihm oder ihr geworden ist. Wie gern würden auch Eltern von Lesben und Schwulen nicht nur von den beruflichen Erfolgen ihrer Söhne und Töchter, sondern auch von denen der Schwiegersöhne und Schwiegertöchter berichten, von der schönen Wohnung, die das junge Paar sich eingerichtet hat und vielleicht auch vom Engagement für gleiche Rechte. Wie gern wären auch Eltern von Lesben und Schwulen ganz offen stolz auf ihre Kinder!
Die Eltern, die ihr Coming-out gegenüber Freunden und Bekannten gewagt haben, berichten durchweg über positive Erfahrungen. Dass vielleicht trotzdem hinter ihrem Rücken getratscht wird, halten sie für möglich, aber das kümmert sie wenig. Natürlich können nicht alle Eltern so mutig sein wie jener Vater, der am Stammtisch, als dort über Schwule hergezogen wird, einfach sagt: "Ich habe zwei lesbische Töchter, und das sind zwei ganz prima Mädchen", worauf alle betreten schweigen. Später spricht ihn ein Stammtischbruder an und bedankt sich für seinen Mut. Es stellt sich heraus, dass dieser einen schwulen Sohn hat und noch nie mit jemandem darüber sprechen konnte (vgl. Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 50/51)
Auch sind sicher nicht alle Eltern so schlagfertig wie die Mutter einer lesbischen Tochter, die in einem kleinen Dorf wohnt und ihre Nachbarin einmal ganz schön zum Nachdenken bringt:
  • So sagte einmal eine Nachbarin zu mir: "Also, ich kann mir gar nicht vorstellen, was zwei Frauen im Bett treiben!" Darauf sagte ich nur: "Ich kann mir auch nicht vorstellen, was Sie mit ihrem Mann im Bett treiben!" Erst sah sie mich konsterniert an, dann musste sie lachen: "Ja", gab sie zu, "das geht eigentlich niemanden etwas an." (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 133)

Bei den Verwandten, zu denen auch das lesbische oder schwule Kind eine eigene Beziehung hat, ist die Entscheidung über die Eröffnung nicht mehr allein Sache der Eltern. Manchmal versuchen Eltern ihr Kind davon abzuhalten, "es" der Oma oder der Tante zu sagen und behaupten, "das" würde sie umbringen. Die tatsächlichen Reaktionen sind oft
weit weniger dramatisch: So meinte eine der Großmütter, die auf diese Weise geschont werden sollten, als sie schließlich doch erfuhr, dass ihr Enkel schwul ist: "Na und?" Eine andere Großmutter fragte ihre lesbische Enkelin neugierig, ob denn zwei Frauen miteinander auch einen Orgasmus bekommen könnten...
Auch die Verwandten, Bekannten und Freunde merken ja, dass sie immer noch denselben Menschen vor sich haben, der jetzt eben zufällig eine andere sexuelle Orientierung hat, als sie erwartet haben. Wenn sie diesen Menschen vorher mochten, werden sie sicher ihre Vorurteile gegen Homosexuelle eher abbauen, als diesen Menschen und seine Eltern abzulehnen.