Elternerfahrungen: Gefühlschaos

"Ich weiß, dass ich es akzeptieren müsste..."

 
Solange das Coming-out ihres Kindes für die meisten Eltern aus heiterem Himmel kommt, lässt es sich nicht vermeiden, dass sie auf die eine oder andere Weise "fassungslos" reagieren. Das ist menschlich. Moralisierende Aussagen darüber, wie man sich hier verhalten sollte, helfen überhaupt nicht weiter. Wir sollten uns von dem völlig überhöhten Anspruch verabschieden, in dieser Situation "richtig" zu reagieren. Hier sind alle Beteiligten überfordert. Es ist unfair, an den Reaktionen in einer solchen Situation zu messen, wie gut das Verhältnis zum eigenen Kind ist, ob man sein Kind genug liebt.
Aus Angst, ihr Kind könnte sich ganz von ihnen abwenden, schlucken viele Eltern ihre ersten negativen Gefühle hinunter oder verbergen sie vor ihrem Kind. So kommen sie selbst nicht dazu, die Trauer über das, was ihnen durch die neue Situation genommen wird, wirklich zuzulassen, an deren Ende vielleicht das Akzeptieren stehen könnte. Und auch der Kontakt zu ihrem Kind bleibt weiterhin gestört, so sehr sie sich auch bemühen, sich nichts anmerken zu lassen:
  • Ich weiß, dass ich das müsste (die Homosexualität des Sohnes akzeptieren, D.M.), und ich gebe mir auch Mühe, aber das ist eigentlich mehr eine Rolle, die ich dann spiele.
  • (Ansonsten) würde er ja merken, dass es mir völlig gegen meine Natur geht. Dann würde er wahrscheinlich nicht mehr kommen. Manchmal fühle ich mich besser, wenn ich weiß, er ist weit weg. Ja, dann verlieren Sie ja ihr Kind! Dann würde er ja nicht mehr nach Hause kommen, dann sind Sie ihr einziges Kind los. Das gibt's ja in vielen Fällen.