Elternerfahrungen: Warum mir?

Warum geschieht das ausgerechnet mir?

 
Nach diesem ersten Schock setzt sich bei vielen Eltern ein "Gedankenkarussell" aus Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Vorwürfen gegenüber dem Kind in Gang. Eltern stellen sich Fragen wie:
  • Was ist die Ursache?
  • Wer oder was ist schuld?

Auch wenn sich die Suche nach dem Schuldigen oft sogar gegen sie selbst richtet, ist diese Art der Verarbeitung offensichtlich immer noch leichter zu ertragen als zu akzeptieren, dass irgend etwas einfach so ist, wie es ist. Es ist gut zu verstehen, dass Eltern zuerst wissen wollen, warum ausgerechnet ihr Kind lesbisch oder schwul geworden ist. Und meistens suchen sie dann die "Schuld" dafür bei sich selbst:
War ich als Mutter ein negatives Rollenvorbild?
  • Ich möchte wissen, was in meiner Erziehung verkehrt gegangen ist. (...) Ich hätte als Vater sein Rollenvorbild sein sollen, aber anscheinend habe ich versagt. Sonst würde mein Sohn heute nicht denken, er sei ein Homo. Und das ist für mich eine bittere Pille. (...) Womöglich denkt man noch, er hätte die Veranlagung von mir! Aber wie soll ich mich für etwas rechtfertigen, das ich selbst nicht begreife? Ich habe mein Bestes getan, um S. zu einem brauchbaren Mann zu erziehen. Habe ihn auch mal in den Arm genommen. Aber das kann ja nicht schädlich sein! Und doch zermartere ich mir seit einem Jahr den Kopf und komme einfach nicht weiter. Warum gerade mein Sohn? Das frage ich mich jeden Tag aufs Neue!
  • Ich habe mir lange Zeit Vorwürfe gemacht, ob es an meiner Erziehung lag, dass N. "so" wurde. Ich neige in allem zum Perfektionismus, und das habe ich möglicherweise auch auf N. übertragen. Vielleicht ist es ihre Art der Rebellion, sich dem Bild der perfekten Tochter zu entziehen.
  • Manchmal habe ich schon gedacht, ob er irgend so einem versauten Kerl in die Hände gefallen ist. Dass der ihn umgepolt hat. Aber dann hätte ich doch etwas gemerkt. Ich meine, man merkt einem Kind doch an, wenn da etwas schief läuft. Nee, ich glaube, er ist so geboren. Wir brauchen uns keine Schuld zu geben.
  • Dann fingen wir an, uns selbst zu beschuldigen. Wir hatten wohl etwas falsch gemacht. Alice meinte, ich hätte mich nicht genügend durchgesetzt, und sie glaubte, sie wäre zu bestimmend gewesen.
  • (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 26, 127, 94, 103; Bass, Kaufman, Wir lieben, wen wir wollen, S. 126)