Erfahrungen: Eine Welt bricht zusammen

Für mich brach eine Welt zusammen


Wenn Eltern von ihrem Kind erfahren, dass es lesbisch oder schwul ist, bricht zuerst einmal ihr ganzes Weltbild zusammen. Sie reagieren mit Schock, sie versuchen sich zu schützen, indem sie sich weigern, das Bedrohliche zur Kenntnis zu nehmen. Ihre erste Reaktion kann sein, dass sie nur noch NEIN!!! schreien können. Eltern beschreiben dieses erste "Nein!" auf unterschiedliche Weise. Sie sprechen darüber, wie sehr die "Eröffnung" sie getroffen hat.

So oder ähnlich reagieren die Eltern...
  • Für mich brach eine Welt zusammen. Alles, woran ich geglaubt hatte, was ich für meine Tochter zu ihrem eigenen Besten gewünscht hatte, fiel in ein großes Nichts.
  • Ich hatte das Gefühl, meine Tochter sei gestorben. Es war, als ob mir jemand mit einem Backstein ins Gesicht schlägt.
  • Ich las den Brief und konnte nur noch weinen. (...) (Die Eröffnung war für mich), als täte sich der Boden unter mir auf. Ich fiel in ein tiefes Loch. Was wusste ich über Schwule?
  • Ist ja auch zum Heulen. Da zieht man zwei Kinder groß, tut alles für die Blagen, und dann wird einer zur Schwuchtel.
  • Das war wie ein Donnerschlag. Es waren überhaupt keine Anzeichen, also er kam immer mit Mädchen nach Hause. Ich habe nur geweint. Ich habe den ganzen Abend geweint, mit meinem Mann hier, und wir hatten auch eine fürchterliche Nacht gehabt. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 93; Hofsäss, Homosexualität und Erziehung, S. 56; Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 56 u. 101; Schmidt, Homophobie, S. 81/82)
Die Weigerung sich damit auseinanderzusetzen
  • Er muss selbst wissen, was er tut. Ich möchte damit nichts zu tun haben.
  • Das erste halbe Jahr ging mein Mann ihm aus dem Weg. Er musste das einfach erst verarbeiten.
  • Ich weiß, dass sie lesbisch ist, und damit hat sich die Sache erledigt. Für mich. Oberflächlich. Ich bin nicht bereit, das ausführlich mit jemandem (zu erörtern), auch mit meiner Tochter nicht. Mit mir selbst auch nicht. Ich block das Thema immer ab in mir. Das schieb ich beiseite. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 34 u. 77; Roggenkamp, Von mir soll sie das haben?, S. 22)
Oder sie wollen es nicht wahrhaben:
  • (...) aber wieso sagte er, dass er schwul sei? Das war für mich unvorstellbar. Mein Sohn ist ein ausgesprochen männlicher Typ, kleidet sich konventionell, kommt aus einer Familie, in der es so etwas nicht gibt, wieso konnte er schwul sein? Mein Sohn ist ein ganz normaler Mann. Das ist nur eine vorübergehende Phase. Ich bin überzeugt, dass er eines Tages wieder mit einem Mädchen nach Hause kommt. (...) Man muss nur ein wenig Geduld haben.
  • Viele Männer haben eine bisexuelle Phase, aber das geht vorbei. Du musst dich nur endlich darum kümmern, dass da ein paar richtige Mädchen kommen. (...) Ich will einfach nicht glauben, dass mein Sohn ein Homo ist. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 33, 106 u. 126/127)