Grußwort von Manfred Bruns zur BEFAH-Mitgliederversammlung

30. März 2014 in Hannover

Ehrung und Verabschiedung der Vorsitzenden Gudrun Held, des stellvertretenden Vorsitzenden Willibald Schütz und des Schatzmeisters Gerhard Schmidt

 

Liebe Gudrun Held,

lieber Gerhard Schmidt,

lieber Willibald Schütz,

liebe Freundinnen und Freunde von Befah,

es gehört zu den Freuden des Alters, mit viel Stolz auf das Erreichte zurückblicken zu können. Aber sie wissen ja auch aus eigener Erfahrung: oft haben wir gar keine Zeit dazu. Denn für manche von uns fängt ja wenn die Rente beginnt die Arbeit erst richtig an. Als Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof hatte ich viel zu tun, aber so richtig stressig ist es erst, seit dem ich im LSVD ehrenamtlich für die Gleichstellung von Lesben und Schwulen streite.

Vielen von Ihnen und besonders den Frauen und Männern aus dem Vorstand geht es ja ähnlich: Hätten Sie gedacht, dass das Coming-out Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes auch der Impuls für ein langjähriges ehrenamtliches Engagement wird? Dass das Nachdenken über das Leben der Kinder so richtig viel Zeit in Anspruch nimmt, auch wenn sie schon längst aus dem Haus sind? Dass Sie eine Leitungsfunktion bei der Befah bekommen und der Begriff „Doppelbelastung“ in dem Rahmen eine ganz neue Bedeutung bekommt?

Heute ist ein besonderer Tag, drei längjährige und äußerst verdienstvolle Menschen werden den Vorstand der Befah verlassen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um ein wenig zurück zu blicken und Ihnen zu danken:

• Gerhard Schmidt, der „Finanzminister“. Sie gehören zu den Gründungsvätern, sie haben sich 17 Jahre aktiv an der Vorstandsarbeit beteiligt.

• Willibald Schütz, der stellvertretender Vorsitzende, kam 2003 dazu und ist damit 11 Jahre dabei.

• Die an Dienstjahren jüngste - die langjährige Vorstandsvorsitzende Gudrun Held - ist 2006 in die Bresche gesprungen und hat sich 7 Jahre lang systematisch und mit unerschütterlichem Einsatz um die Befah gekümmert.

Man kann es den dreien nicht verdenken, dass sie ihre Aufgabe als Mütter und Väter der Befah abgeben. Dass sie die Weisheit, die man ja in all den Jahren erwirbt, endlich mal für sich nutzen wollen. Oder, wie Gudrun Held es ausgedrückt hat, sich „in aller Ruhe zurücklegen und zuschauen, wie putzig die Welt ist“.

1

Diese Welt, das kann man sicher sagen, hat sich durch Ihr Engagement verändert.

Als am 29.11.1997 in der Thomas-Gemeinde in Laatzen bei Hannover die Befah gegründet wurde, war einer der Männer der ersten Stunde Gerhard Schmidt. Haben Sie, Herr Schmidt, oder einer Ihrer Mitstreiter damals gedacht, wie viel weiter wir heute sein werden?

Ich habe 1997 im Rechtsausschuss des Bundestages zur rechtlichen Anerkennung schwuler und lesbischer Lebensgemeinschaften gesprochen. Es war die erste offizielle Anhörung zu dem Thema. Für uns war das eine Zeit des Aufbruchs. Aber die Familien waren von den Spuren der Vergangenheit geprägt. Denn damals war es gerade mal drei Jahre her, dass der § 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde.

Homosexuelle waren rechtlos: Im Krankenhaus war der homosexuelle Partner nicht anerkannt, binationale Paare mussten damit rechnen, dass das Ausländerrecht sie auseinanderriss. Wer seinen Eltern gestehen musste: „Ich bin homosexuell.“ konnte damit rechnen, für sich und für andere eine Katastrophe auszulösen.

Heute ist die Eingetragene Lebenspartnerschaft in fast allen Bereichen der Ehe gleichgestellt und die Befah ist eine in der Familienpolitik anerkannte Institution.

Es ist klar, bei Befah sitzen Eltern und Großeltern, die schon vielen Familienpolitikerinnen und -politikern die Meinung gesagt haben. Insider wissen, auch so manche Familienministerin musste erst einmal fachliche Nachhilfe von der Befah erhalten.

Sie sind ein Vorbild für alle Eltern. Sie sind die Eltern, die manche tatsächlich haben und viele sich wünschen: Väter, Mütter und Großeltern, die sich selbstlos und unbeirrbar für die Rechte von Homosexuellen einsetzen: In der Nachbarschaft, in der Gesellschaft und in der Politik.

Was denken Familien heute?

Anfang des Jahres bat das Meinungsforschungsinstitut forsa Eltern minderjähriger oder erwachsener Kinder sich vorzustellen wie sie reagieren würden, wenn sie hören, dass ihr Kind homosexuell ist. Die meisten (82%) gaben an, dass sie ihr Kind unterstützen würden. Dabei lag bei den Müttern die Zustimmung sogar noch höher bei 86%. Während nur etwa 76% der Väter klar sagten, sie würden das Kind unterstützen, entsprechend der sexuellen Orientierung zu leben.

32% meinten, sie würden gleichgültig reagieren, 19% der Eltern sagten, sie wären enttäuscht und würden ihrem Kind raten, die Homosexualität geheim zu halten.

Und immer noch 9% haben das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben und 3% würden sich sogar schämen.

Dass die Umfrage wenige Tage nach dem Coming-out von Hitzelsperger gemacht wurde, hat die Werte sicherlich verbessert.

2

Aber auch wenn wir ein paar Prozentpunkte abziehen: Diese Werte sind ein Beispiel für die Erfolge Ihrer und unserer Arbeit. Das sind Zahlen, die zeigen, dass sich Engagement lohnt. Dass die Welt, auf die Gudrun Held, Willibald Schütz und Gerhard Schmidt in Zukunft mit einem weisen Lächeln schauen werden, schon ein ganzes Stück besser geworden ist.

„Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier, es hat seinen Platz immer bei dir“ singt Trude Herr. Dem möchte ich mich gerne anschließen, auch wenn ich das hier heute nicht persönlich übernehmen kann.

Wir werden Sie vermissen, etwa auf dem LSVD-Verbandstag, zu dem Sie immer gekommen sind.

Und man wird an Sie denken - Sie werden nicht vergessen, denn so wie die Befah immer auch Ihr Leben bleiben wird, sind Sie immer auch ein Stück der Befah.

Homosexualität ist keine Katastrophe für die Familie, sie ist Teil menschlicher Normalität. Das gezeigt zu haben, ist Ihr Lebenswerk. Viele Familien - Männer, Frauen und Kinder, die Sie vermutlich nie kennenlernen – werden das zu schätzen wissen.

Liebe Gudrun Held, lieber Gerhard Schmidt und lieber Willibald Schütz, im Namen des LSVD- Bundesvorstands und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern danke ich Ihnen sehr herzlich für Ihr Engagement!